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“Herzlichen Dank für die Einsendung Ihres Manuskripts. Leider müssen wir von einer Veröffentlichung absehen …”

Gerade ging wieder durch die Presse, dass eine Frau ihr Manuskript unter männlichem Pseudonym einreichte und sehr viel positivere Rückmeldungen bekam als unter ihrem echten Namen/Geschlecht.
Seitdem schreiben mir erstaunlich viele Menschen, ob ich das denn selbst schon mal ausprobiert hätte. Oder ob ich das denn nicht mal machen möchte. Außerdem: Ein männliches Pseudonym würde doch viel besser zu meinen Büchern passen, nein?

Ich bekomme seit Jahren gesagt, ich würde zu „unweiblich“ schreiben. Zu kühl, zu sachlich, die Figuren seien nichts, womit sich Frauen identifizieren könnten. (Gesellschafts-)politische Hintergründe würden gerade das weibliche Lesepublikum überfordern bzw. abschrecken. Als Frau wolle man beim Lesen abschalten und sich nicht mit Problemen auseinandersetzen. Einige Männer, mit denen ich beruflich zu tun hatte, rieten mir zu „ansprechenderen“ Fotos, zu einem „weiblicheren“ Auftreten, einer „zugänglicheren“ Attitüde (ich sei “zu spröde für die Branche”), nicht zuletzt auch zu Themen, mit denen ich mich „besser auskenne“. Letzteres traf mich wirklich. Ich recherchiere genauso wie die männlichen Kollegen. Ich habe genauso meine Kontakte, meine Prüfinstanzen, ich gehe genauso Risiken bei den Recherchen ein. Aber ich als Frau habe offenbar trotzdem nicht den Zugang zu gewissen Themen. Weil ich mich qua Geschlecht damit nicht auskennen kann.

Natürlich reizt es mich entsprechend auch schon seit Jahren, diesen Test zu machen: Wie käme derselbe Text an, stünde ein Männername drauf? Das Experiment müsste aber noch weitergehen: Gäbe es andere Vorschüsse? Andere Werbemaßnahmen? Würde der Buchhandel anders vorbestellen? Sähen die Verkaufszahlen anders aus?

Eins ist sicher: Niemand würde mehr fragen, wie man als Frau auf diese Themen kommt.

Es ist mal untersucht worden, dass Menschen einem Nachrichtensprecher mehr vertrauen als einer Nachrichtensprecherin. (Überhaupt, Vertrauen.) (Überhaupt, Selbstvertrauen.)

In letzter Zeit las ich auf Facebook ausschließlich bei Frauen, die sich zum Flüchtlingsthema äußerten, Aussagen wie: „Normalerweise bin ich ja nicht politisch, aber jetzt muss ich auch mal was sagen.“ Das habe ich bei keinem Mann gesehen, diese Rechtfertigung, nun doch auch mal was zum Weltgeschehen sagen zu wollen. Natürlich ist das jetzt nicht repräsentativ, weil meine Beobachtung, aber wir können ja alle mal drauf achten.

Ich weiß, wie sehr viele Menschen vom Feminismus gelangweilt sind, wenn nicht gar genervt. Ich weiß, dass viele Menschen vor allem denken, es ginge grundsätzlich gegen Männer und überhaupt darum, dass Frauen immer recht hätten. Ich weiß, dass viele Frauen sagen, sie bräuchten keinen Feminismus, weil sie keine Probleme mit Männern hätten. Es ist schade. Dieses Nicht-Verstehenwollen macht mich wahnsinnig müde.

Verhaltensweisen, die bei Männern positiv beurteilt werden („meinungsstark“), werden Frauen negativ ausgelegt („aggressiv“). Es gibt viele Studien dazu, aber ach, was sind schon Studien, wenn man sagen kann: „Ich seh das aber nicht so.“ Meinung vs. Fakten, so what. Worum es doch geht: Mal vorurteilsfrei miteinander umzugehen. Obwohl sich Mann einer Frau gegenübersieht. Oder umgekehrt. Oder Frau einer Frau. Und so weiter.

Von Frauen werden andere Themen erwartet, ein anderer Schreibstil, ein anderer Umgang mit den Figuren. Warum? Weil man uns erst seit hundert Jahren studieren lässt?

Wie gesagt, der Gedanke, einfach mal unter männlichem Pseudonym zu publizieren, ist reizvoll. Wäre letztlich aber nur die Wiederholung eines längst mehrfach bestätigten Experiments. Schau mal, wenn ich die Brausetablette ins Wasser werfe, dann bitzelt es! – Ach echt? Ich mach das auch mal! – Wow, es bitzelt! Wissen wir. Gab es schon. Wird es weiterhin geben. Ist leider so. (Und, ja, bei gewissen Genres ist es sinnvoll, unter weiblichem Pseudonym zu publizieren, auch das, auch das. Aber das ist im Moment nicht die Textsorte, um die es mir geht.) Ich habe nicht vor, dieses Experiment zu machen. Ich habe nicht vor, unter Männernamen zu publizieren. Ich mache einfach so weiter, weil sich sonst nichts ändert, weder für mich, noch für andere.

Dieser Artikel ist ursprünglich erschienen am 22.8.2015 auf: zoebeck.wordpress.com
Fairer Buchmarkt bedankt sich für die Erlaubnis zur Zweitveröffentlichung.

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Zoë Beck
Autorin